Mehrwegpflicht - warum ein Gesetz allein nichts verändern kann


Mittagessen in Rebowls mitnehmen. Bildquelle: @ ReCup GmbH

Jeder Deutsche erzeugt jährlich über 4 kg Abfall aus Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen. 72% davon kommen aus der Gastronomiebranche. Verschiedene Akteure, wie Politik, Systemanbieter, oder Café-Betreiber:innenn, setzen sich bereits seit 5-6 Jahren dafür ein, einen neuen Ansatz mit Fokus auf Nachhaltigkeit zu entwerfen.

Ab dem 1. Januar 2023 tritt die Mehrwegverpackungspflicht in Kraft. Gastronom:innen werden dann dazu verpflichtet sein, eine wiederverwendbare Alternative für das Servieren von Speisen und Getränken anzubieten.

Es braucht jedoch viel mehr als ein Gesetz, um den Kampf gegen unseren Wegwerfkonsum ernsthaft in Angriff zu nehmen. Denn der wichtigste Akteur ist immer der Gast!


  1. Das Verpackungsgesetz

  2. Eine freiwillige Entscheidung trotz gesetzliche Auflage

  3. Verbraucher:innen in der Eigenverantwortung

  4. Innovative und sinnstiftende kleine Konzepten geben den Weg vor

  5. Stadt Tübingen: die Verpackungssteuer im Test


 

Das Verpackungsgesetz


Nach Angaben der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) fielen 2017 in Deutschland 346.419 Tonnen Abfall für Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen an. Die Tatsache, dass diese Zahlen veraltet sind und sich in den vergangenen 2 Jahren der Corona-Pandemie nochmal verschlechtert haben, dürfte nicht zu übersehen sein.

Seit Juli 2021 regelt das deutsche Verpackungsgesetz das Inverkehrbringen einer Reihe von Einwegplastikprodukten wie Besteck, Teller, Trinkhalme aus Plastik und Styroporbehälter. Darüber hinaus werden ab Januar 2023 Restaurants, Caterer und Lieferdienste verpflichtet, wiederverwendbare Alternativen für Speisen und Getränke zum Mitnehmen anzubieten.

Alle Verpackungen, die mehrfach verwendet werden können, gelten als wiederverwendbare Alternative. Einige gastronomische Konzepte haben bereits eigene Insellösungen entwickelt. Sie bieten eigene Behältnisse gegen Pfand an und nimmt sie auch wieder zurück. Dabei setzen sowohl auf den Marketingeffekt, als auch auf die Kundenbindung innerhalb ihres geschlossenen Systems.

Mehrere junge, deutsche Start-ups wie Relevo, reCIRCLE, ReCup, oder Vytal arbeiten bereits seit einigen Jahren an einem neuen Geschäftsmodell und entwickeln Mehrweg-Pool-Systeme. Das hat einige Städte, Gemeinden und Kommunen dazu bewegt, auf die Gastronomen zuzugehen und den Umstieg auf etablierte Mehrwegsysteme zu fördern. Denn ein sogenanntes Pool-System kommt erst dann zum Tragen, wenn es von mehreren Gaststätten in der Umgebung genutzt und ausgetauscht wird. Das hat den Vorteil, dass die Gäste das Geschirr nicht zwingend dort zurückgeben müssen, wo sie es gekauft haben. Die Stadt München zum Beispiel unterstützt die Umstellung mit einer kommunalen Förderung von bis zu 500€.



Eine freiwillige Entscheidung trotz gesetzliche Auflage


Doch trotz neuem Gesetz kann die Gastronomie allein nur begrenzt etwas bewirken. Es verpflichtet die Cafés und Restaurants lediglich, eine wiederverwendbare Alternative im Regal stehen zu haben. Schließlich ist die Einwegvariante immer noch zulässig, wenn die Gäste die nachhaltige Verpackung nicht aktiv einfordern oder akzeptieren wollen. Es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten und das ist weitgehend dem Servicepersonal überlassen.

Nach zwei Jahren Pandemie, in denen die Branche um ihre Existenz kämpfen und bei den 2G/3G-Regeln ausnahmsweise mal die Polizei spielen durfte, steht sie nun bald vor der unangenehmen Aufgabe, die Gäste hinsichtlich Mehrwegverpackungen aufzuklären und zu belehren... Die Sehnsucht danach, einfach mal wieder ein:e herzliche:r Gastgeber:in sein zu können, scheint in der Branche groß.

Das Gesetz gilt übrigens nicht für Unternehmen mit bis 5 Vollzeitbeschäftigten oder einer Fläche von weniger als 80 Quadratmetern. Kleine Kioske, Imbisse, Cafés oder Eisdielen, die sich hauptsächlich auf Essen und Getränke zum Mitnehmen spezialisiert haben, sind demnach oft ausgenommen. Sie bringen jedoch viel mehr Verpackungen heraus als es große Restaurants, die sich auf Tischbedienung spezialisiert haben, tun.

Aus diesem Grund brauchen wir eine echte, offensive Aufklärung der Verbraucher:innen in der Öffentlichkeit, damit die Gäste auch in kleinen Lokalen von sich aus nach einer wiederverwendbaren Alternative fragen.



Verbraucher:innen in der Eigenverantwortung


Die etablierten Pool-Lösungen sind nicht perfekt und werden oft kritisiert (auch von mir). Viele Pfand-Behälter bleiben monatelang in den Küchenschränken stehen und verlieren den wirklichen Sinn, da sie nur dann ökologischer sind, wenn sie tatsächlich im Umlauf bleiben. Dennoch sind sie ein erster Schritt in Richtung Veränderung. Wir dürfen einen Umweg nehmen, um neue Gewohnheiten zu lernen.


Die nachhaltigste Variante geht aus meiner Sicht noch einfacher: den eigenen Becher oder Behälter einfach selbst mitbringen. In der Vergangenheit mussten Gastronom:innen zwar ein Haftungsrisiko tragen, wenn sie eigens mitgebrachte Schüsseln abfüllten, doch das ist seit 2018 Geschichte. Gastronom:innen können ihren Gäste mit dem einmal ohne Bitte-Label sichtbar machen, dass sie mitgebrachte Behältnisse gerne befüllen.

Es liegt in der Verantwortung jeder und jedes Einzelnen, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu erkennen, dass eine kleine Veränderung im Alltag eine große Wirkung haben kann, ohne gleich eine Einschränkung zu bedeuten.



Innovative und sinnstiftende kleine Konzepten geben den Weg vor


Dass sie kein Gesetz brauchen, um selbst aktiv zu werden und gute, kreative Lösungen zu entwickeln, zeigen bereits zahlreiche innovative Cafés und Restaurants. Durchdachte Konzepte, bei denen das Take-away-Geschäft ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells ist, lassen das Thema Nachhaltigkeit grundsätzlich in ihre Entscheidungen einfließen. Aus freiwilliger Überzeugung bieten sie schon lange wiederverwendbare Lösungen an.


„Wir möchten die Politikerinnen und Politiker zu größeren Würfen ermutigen. Gebt uns Ansagen und Regeln für ein nachhaltiges Wirtschaften. Gerne auch etwas, das uns mehr fordert [...]. Denn wir möchten Verantwortung übernehmen, und sind bereit, unsere Komfortzone zu verlassen.“ Martin Lai, Inhaber Café Südhang, Tübingen

In meiner Zeit als Inhaber des Café Blá wurde kaum ein Kaffee to-go verkauft, ohne dass die Gäste die humorvolle Frage "in Wegwerf- oder Mehrwegbecher?" beantworten durfte. Wir hatten richtig Spaß daran, unseren Gästen zum Nachdenken anzuregen. Die Tatsache, dass der Begriff " Wegwerf" für einige zu unangenehm wurde, führte schlicht dazu, dass sie zum ersten Mal die andere Variante probierten ... und wiederkamen!

Ja, der Aufklärungsbedarf war groß, die Gespräche mit den Gästen manchmal etwas mühselig. Doch die Liste der "unplausiblen Ausreden" dafür, den Einwegbecher doch zu nehmen, könnte ein ganzes Comedy-Programm füllen und sorgte so für lustige Spielchen im Team!



Stadt Tübingen: die Verpackungssteuer im Test


Es ist nichts Neues, dass Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, es wagt, in seiner Stadt kühne, unpopuläre Konzepte zu testen. Und so gilt in Tübingen seit Januar 2022 eine Verpackungssteuer: 50 ct für Einwegbecher und Speiseverpackungen und 0,20 ct für Einwegbesteck, Eislöffel, Servietten, etc. Es steht den Gastronomen*innen frei, diese über den Verkaufspreis von Speisen und Getränken an den Kunden zu verrechnen.

Wer also die zusätzlichen Kosten für Einwegverpackungen vermeiden will, kauft sie erst gar nicht und nutzt lieber die angebotene wiederverwendbare Alternative.

Auch wenn die Rechtskonformität der Verordnung derzeit noch strittig ist - ich werde hier nicht auf die Details eingehen - ist die Abfallmenge aus Einwegverpackungen in der Stadt deutlich zurückgegangen. Das liegt daran, dass die Verpackungssteuer auf das Zusammenspiel von Gastronom:innen und Verbraucher:innen setzt. Einerseits gibt sie den Gästen einen Anstoß, über ihr eigenes Konsumverhalten nachzudenken. Andererseits bieten jetzt auch Restaurants Mehrwegverpackungen an, die bisher nicht so sehr auf Nachhaltigkeit bedacht waren.


Die Frage ist: Muss es wirklich so weit kommen? Oder können wir die Umstellung gemeinsam bewältigen, ohne auf eine landesweite Verpackungssteuer zurückgreifen zu müssen?


 

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